Wenn man vom Longidoberg in Nordtansania, nahe der kenianischen Grenze, über staubtrockene Pisten nach Westen fährt, nähert man sich dem Herzland der Maasai. Man bewegt sich über eine Hochebene, aufgelockert durch vulkanische Inselberge, die teilweise knapp über 3 000 Meter hoch sind, also Zugspitzenniveau erreichen.
Der letzte Vulkanausbruch datiert aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Feinster vulkanischer Aschestaub umhüllt den Geländewagen und dringt durch jede Ritze, auch wenn die Fenster geschlossen sind. Überall begegnet man den Maasaihirten mit ihren Rinderherden oder winkenden, halbnackten Jungen, die Ziegen hüten. Bevor man die Ausläufer des Ngorongorokraters erreicht, trifft man auf den Elaiberg, auf dessen dicht bewaldeter Spitze wir einen Buschbock jagen wollen.
Der Geländewagen ächzt einen Pfad hoch, den die Esel und die Kühe getreten haben, die manchmal auf der Bergkuppe geweidet werden. Auf etwa 2 600 Meter Höhe, 340 Meter unterhalb des Gipfels, geht es nicht mehr weiter. Wir bauen unser einfaches Camp auf. Es ist bitterkalt, Wolkenfetzen treiben vorbei. Doch bevor ein kleines Feuer aufflackert, tritt am Gegenhang schon ein weiblicher Buschbock aus dem dichten Bergwald und äst kurz auf einer begrasten Freifläche – ein gutes Omen.
Die Nachmittagspirsch ist allerdings eher enttäuschend. Von 20 Buschböcken hat man mir erzählt, die gleichzeitig an den verschiedenen Hängen gesehen worden seien. Das muss jedoch nach den alljährlichen Buschfeuern gewesen sein. Jetzt im Juli ist die Vegetation undurchdringlich, das Gras hoch und das Wild nur sichtbar, wenn es über eine der wenigen freien Flächen zieht.
Ich pirsche auf frisch begangenen Büffelwechseln, treffe überall auf Fährten und frische Buschbock-Losung. Bald sehe ich auch die eine oder andere dieser scheuen Waldantilopen, wenn sie, weit entfernt, einmal kurz die Deckung verlässt und äsend eine Wiese überquert, bis sie wieder im nächsten Gestrüpp verschwindet.
Weites Land
Im Schein der Abendsonne setze ich mich schließlich an einem Felsvorsprung an. Ich habe einen weiten Blick nach Westen über den unerforschten Natronsee tief unter mir, an dem wir in den nächsten Tagen Grant- und Thomson-Gazellen sowie Gnus bejagen wollen, hin zum Lengai, dem heiligen Berg der Maasai, bis zur Hügelkette um den Ngorongoro-Krater. Im Gegenhang zeigt sich auch ein braver Bock, der sicher reif und jagdbar ist. Aber ich warte auf den kapitalen, den es hier geben muss, und der Finger bleibt gerade.
Am nächsten Morgen bereue ich diese Entscheidung. Die ganze Bergspitze ist in Wolken eingehüllt. Meine Leute haben die Nacht vor Kälte kaum geschlafen. Wir kommen alle aus der feuchten Hitze der tansanischen Küste. Niemand ist Kälte gewohnt und wir haben noch nicht einmal Kleidung gegen sie dabei. Wer denkt beim Packen der Reiseausrüstung an Temperaturen kaum über dem Gefrierpunkt, wenn das Thermometer in Dar es Salaam an der Küste, von wo ich komme, 34 Grad zeigt und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit den Schweiß fließen lässt?
Kalte Windböen und Nieselregen machen den Aufstieg in Richtung Gipfel zur Qual. Nach langer, erfolgloser Pirsch durch elefantenhohe, schwer durchdringliche Dickichte treffe ich schließlich auf eine vielleicht 200 Meter lange, aber schmale Freifläche. Ich schiebe mich unter Wind in einen Busch und mit meiner DDR-Zeltplane mit dem gestrichelten Tarnmuster der Nationalen Volksarmee, genannt „ein Strich – kein Strich“, die ich immer im Rucksack mit mir trage, ist in Sekunden ein Schirm gebaut, der mir gute Deckung bietet. Mein alter Wildhüter, mzee Ndauka, der seit seiner Pensionierung aus dem tansanischen Staatsdienst in meinem Sold steht, kauert zähneklappernd, in eine andere Plane gehüllt, 20 Meter hinter mir. Von hier aus kann er ein kleines offenes Talstück an einem Bachlauf, 100 Meter unter uns, einsehen, wenn der Wolkennebel einmal aufreißt und für Minuten etwas Sicht freigibt.
Nach zwei Stunden habe ich einen jungen Bock gesehen und eine Geiß mit Kitz. Ich gebe auf: Es ist zu kalt und der Sprühnebel geht jetzt in einen kalten Regen über. Doch einen letzten Versuch will ich machen. Ich schicke Ndauka in den Bergwald. Er soll ihn parallel zu meiner Wildwiese über Wind durchqueren und mir den alten Bergbock, auf den ich hoffe, lancieren, wenn er denn heute „zu Hause ist“. Ndauka ist trotz seines Alters ein zäher Brocken, doch jetzt ist er froh, dass er etwas wärmende Bewegung bekommt.
Kaum drei Minuten dauert es, da tritt am oberen Ende der Wiese ein Buschbock, sichernd, aber sonst ganz vertraut, ins Freie. Er verhofft kurz, äugt rückwärts, rupft ein paar Halme und zieht zielstrebig zur gegenüber liegenden Deckung.
Mit bloßem Auge sehe ich die dunkle Mähne, den starken Wildkörper und nehme das Glas gar nicht hoch, um das Gehörn anzusprechen. Ich pfeife ihn kurz an, er verhofft und dreht das Haupt in meine Richtung. Auf den weiten Schuss mit der .375 Holland & Holland verschwindet er im dichten Heidekraut. Heftiges Schlegeln verrät mir, dass ich meinen Buschbock in fast 3.000 Meter Höhe bekommen habe.
Da sich weder Hubertus noch Diana hier auf den Vulkanbergen Tansanias auskennen, so vermute ich zumindest, muss mir „Ngai“, der Gott der Maasai, geholfen haben.
Auszug aus dem Buch „Auf den Fährten der Big Five“ von Rolf D. Baldus
KOSMOS Verlag, ISBN-13: 9783440111055