Schon in der Schulzeit hatte ich eine starke Affinität zu Skandinavien, die in einer damals abenteuerlichen Reise per Anhalter gipfelte, um dort eine bis dahin platonisch verehrte Brieffreundin zu besuchen.
Nun, Mitte der 70iger Jahre wollte ich mit meiner inzwischen gegründeten Familie zu einer Nordlandreise aufbrechen. Über Dänemark, Südschweden bis hart an die norwegische Grenze, ging es dann über Stockholm und schließlich annähernd der Flugrichtung der Wildgänse der Selma Lagerlöff folgend, bis nach Lappland. Dies war sehr zum Vergnügen der Kinder (3 Mädchen), die unsere Fahrt anhand des Buches verfolgten und noch heute von dem –„schönsten Familienurlaub überhaupt“ schwärmen. Im wald- und wildreichen Norden angekommen, gelang es aber keinem von uns - trotz des Auslobens eines Geldscheines - einen Elch zu sichten. Auch auf der finnischen Seite jenseits des Polarkreises, waren wir erfolglos. Nur Losung und imponierende Trittsiegel konnten wir ausmachen.
Nun wieder auf der Südroute blieben wir noch 14 Tage zur Erholung im Saimaa- ein Seengebiet nahe Savonlinna. Diese nordische Seenlandschaft faszinierte mich derart, dass ich über private Kontakte die Bekanntschaft eines dortigen Forstmannes machte. Er war Chef einer Jagdgemeinschaft und ließ mir – schon wieder zu Hause – über seinen englisch sprechenden Sohn Kyersti, eine Einladung zur Elchjagd im Herbst zukommen.
So flog ich zur vereinbarten Zeit nach Helsinki und dann weiter mit einer kleineren Maschine zu einem lokalen Flugplatz bei Punkasalmi, wo mich Kyersti mit seinem Lada abholte. Im Land herrschte schon mäßiger Frost, und durch Raureif und ein paar Schneeflocken leuchteten die Herbstfarben wie leicht überzuckert noch schöner gegen den blauen Himmel. In einem typischen finnischen Sommerhaus am See gelegen und natürlich mit der obligatorischen Sauna ausgestattet, bezog ich Quartier.
Wenn über jagdliches berichtet werden soll, muss auch über die Menschen dieses Landes etwas gesagt werden: es sind seltener die großwüchsigen Nordmanntypen, wenn auch schwedische Einflüsse hier und da erkennbar sind, sondern ein mittelgroßer, kräftiger und ruhiger Menschenschlag. Nachdenklich und anfangs eher verschlossen, mit der Liebe zur Musik und dem Gesang und vor allem zuverlässig und mit jagdlichen Instinkten ausgestattet, die stark an die der Jäger der Vorzeit erinnern. Trophäen spielen kaum eine Rolle, die Wildpretgewinnung und deren Verwertung stehen ganz im Vordergrund. Wie in Urzeiten wird die Beute des Jagdtages unter den Familien aufgeteilt. Ein erlegter Elch wird noch am selben Abend unter den scharfen Finnenmessern zerwirkt und verarbeitet. So kommen Ergebnisse in Form von Sülze, Pasteten, Suppen, Braten und vielen anderen Varianten auf den Tisch und in die Vorratskammer, so dass man hier wieder an den sinnvollsten Grund der Jagd herangeführt wird.
Trotzdem hatte man großes Verständnis für meinen Wunsch, einen alten Elchbullen erlegen zu wollen. Die Jagden hier werden in Form großräumiger Vorstehtreiben durchgeführt. Die Durchgehschützen werden hierbei von ihren typischen Elchhunden unterstützt, die in der Lage sind einen Elch zu stellen. Bevor wir an Elchwild kamen, kamen die Vögel, u. a. Kolkraben und Auerwild, das hier noch reichlich vorhanden ist und auch als Braten auf den Tisch kommt. Zur Mittagspause hatten die findigen Jäger schnell einem alten Kiefernstucken gefunden, zerkleinert und trotz Kälte und Nässe ein Feuer gemacht. Über dem Feuer brodelte schnell das Wasser für den unerlässlichen „Kachvi“, also Kaffee und Essen gab es reichlich aus dem Rucksack. Der alte Forstmann wusste, wo ein starker Schaufler zog und als in diesem Bereich getrieben wurde, erhielt ich meinen Stand.
Er war auf einer weiten, frisch aufgeforsteten moorigen Fläche, die durchzogen war von Wällen aus zusammengeschobenen Stucken und jungen Birkenstämmen mit Brombeerranken überwuchert. Die „Vögel“ waren schon durch, und ich träumte wohl ein bisschen in den späten und sonnigen Nachmittag hinein, als ich zu spät einen starken Schaufler nur noch mit Haupt und Rückenlinie über und hinter dem Wall, vielleicht 100m von mir entfernt, davon trollen sah - den ich, wenn nicht geträumt und somit früher ausgemacht, hätte erlegen können.
So hatte ich meine jagdliche Chance in der schönen Natur verträumt und verpasst. Nachzutragen ist, dass ich ein Jahr später diesen Elchbullen im selben Gebiet zur Strecke gebracht habe. Mein Gastgeber kannte ihn genau und hatte ihn selbstlos für mich aufgehoben.